Nachdenkliches
von Jaqueline Kaden
Mutter
Was ist das nur für ein Jahr gewesen? So voller Traurigkeit, Fassungslosigkeit,
Schmerz? Die Ereignisse hatten sich mit einem Mal überschlagen, ich wusste nicht
was ich zuerst tun sollte, woher nahm ich überhaupt die Kraft zu überleben? Wenn
ich allein bin kehrt dieser Schmerz wieder. Bohrt, frisst. Es gibt keine Antwort
wie ich das alles geschafft habe. Im Moment habe ich das Gefühl ich bin ohne
Seele. Ohne Schmerz, ohne Gedanken die wehtun. Was ist nur aus mir geworden? Mir
fehlt immer noch der Antrieb, die Kraft die Entschlossenheit. Was wird aus mir,
wo werde ich hingehen? Was wird mein Leben bestimmen? In bin ausgelaugt und
frage mich jeden Abend die gleichen Fragen. Und es gibt keine Antworten, nicht
so wie in den Filmen und Büchern, das wahre Leben ist viel schlimmer. Es lässt
einen alleine mit den Gefühlen und Ängsten. Was habe ich nur falsch gemacht? Ich
warte jeden Tag auf ein Wunder, auf die Begebenheit die mich zurück ins Leben
führt. Ich predige Fröhlichkeit, Durchhaltevermögen und bitte andere anderen
Menschen zu verzeihen und bin doch so hart zu mir selbst. Ich will aus diesem
Käfig ausbrechen, endlich fliehen, alles hinter mir lassen, aber jemand hält
mich fest. Verlangt mein Bleiben. Bin gefangen in meiner eigenen Lethargie, von
meiner Starre und Befangenheit. Wo ist der Kummer hin, die Traurigkeit. Sie,
meine Mutter, die mir fehlt ist nicht mehr und trotzdem habe ich mich an diese
Alltäglichkeit gewöhnt. Was ist nur los mit mir? Warum kann ich nicht hinter
meiner eigenen Schutzmauer hervorklettern und sagen ich bin frei, endlich frei.
Nimm diese Last von meinen Schultern. Lass mich aufrecht gehen und wieder
leben....
Liebe - Abhängigkeit – Liebe
mit nem Glas Whisky in der Hand... die Zigarette dabei... und den Schmerz von
der Seele schreiben.
Wie willst Du kämpfen wenn Du nicht einmal erahnen kannst wie Du aus Deinen
Problemen herausfindest, wie nur? Nur für die gemeinsame Zukunft kämpfen wenn
die Brocken in unserem Weg größer sind als man sie je umrunden könnte? Wie nur?
Jedes Nachdenken über eine Lösung endet im Nichts. In der Katastrophe, in einer
Ausweglosigkeit. Dir geht es nicht gut weil ich nicht bei Dir bin. Und? Du lässt
mich mit meinem Schmerz allein, legst auf und entschuldigst Dich, dass es Dir
nicht gut ginge. Danke, und ich hau mir hier die Nacht um die Ohren, die
Schmerzen im Herzen furchtbar, das Gefühl im Magen eine Katastrophe. Jede Minute
... jede Sekunde... die Gedanken nur bei Dir. Und die Tränen und die Angst..
aufgeben zu müssen... loszulassen.. Warum? Wozu?
Weil mein Herz bei dir ist. Du hast es in der Hand, mehr als ich es jemals
zulassen wollte. Ich weiß wenn ich ganz doll an uns beide glaube dann geht auch
der Traum von UNS in Erfüllung, aber im Moment bin ich nur leer, keine Gedanken
die weiterbringen, nur dieses Abwägen: Warum wozu wofür weshalb. Warum gibt es
in Deinem Leben ... so tiefe Tiefen?
Da draußen in der weiten Welt ist alles so rosarot... so schön... so glücklich.
Alles passt. Jeder schafft es zu überleben, zueinander zu finden, nur für uns
scheint der Weg zum Abgrund zu führen.
Fliegen wie ein Vogel, die Luft und die Freiheit unter einem spüren. Dem
Horizont entgegen.. Die Flügel spannen und erst da zur Ruhe kommen, wo einen das
Herz hinzieht.. zu Dir in Deine Arme, nicht mehr gehen mag, dich mit Flügeln
umspannen und eins sein. Deine Nähe und Kraft, Deine Wärme tanken und das
Gefühl.
Und was ist? Ich tröste mich über jeden Tag, suche nach Auswegen, die Kraft
lässt nach. Ich fühle mich wie das sterbende Reh das langsam die Augen schließt
als es endlich von seinen Leiden erlöst ist.
Vater
Wo warst Du als der Schmerz am größten?
Deinen Kummer hast Du ertränkt. Hast gezecht mit Deinem Freund dem Rotwein. Hast
das Sterben sterben sein lassen und Dich selbst auf den Weg dorthin begeben.
Keine Träne konnte Dich rühren, kein Brüllen, kein Verzweifeln, kein Schreien.
Du warst taub. Taub nach außen. Innerlich führtest Du Deinen eigenen Kampf.
Leben oder Sterben . Für oder wieder. Dann war die Nachricht endgültig. Nein sie
ist nicht mehr. Diese blauen Augen die fragen, für immer eingebrannt in meine
Hornhaut und mein Herz. Wunden heilen? Niemals. Sie hinterlassen Narben. Tiefe
Narben. Sieben Jahre und wir leben noch, wir beide. Du in Deiner Welt ich in
meiner. Dennoch. Ich verzeihe Dir weil ich Dich liebe, weil ich froh bin das Du
mir geblieben bist. Bis zur nächsten Nachricht.
Wege
Wir kennen uns nicht. Ich kreuze Deinen Weg und schaue Dir fest in die Augen.
Bis eben warst Du mir unbekannt, doch jetzt. Ein Lächeln huscht über mein
Gesicht und verursacht bei Dir einen fragenden Blick. „Woher kenne ich Sie?“
Nirgends woher, gebe ich stumm zur Antwort und habe für einen Augenblick meine
Spur in seinem Leben hinterlassen.
Menschen
Ihr seid so vielfältig in Eurer Art. So ungestüm und leidenschaftlich. So
tödlich und so ängstlich. So hingebungsvoll und doch schutzbedürftig. Was ist
nur aus Euch geworden? Ihr wisst so viel und nichts. Ihr benutzt Euren Verstand
wie damals die Neanderthaler. Mit roher Gewalt Mann gegen Mann, Frau gegen Frau,
Kind gegen Kind. Wo ist das wir. Wo ist die Woge. Der Gleichklang. Trostlos in
diesen Tagen auf eine Nachricht ohne Tod und Mord zu hoffen. Zu verdorben die
Welt. Zu nah der Untergang. Wann besinnen wir uns wieder? Wann lieben wir wieder
das Gegenüber um des Lebens willen.
Ich kann sehen
wie es in Deinem Herzen schaut.
Kann Deinen Kummer spüren wenn Du auf mich schaust und mich fragst „Ist das mein
Ende“?
Doch ich kann nicht sprechen. Der Kloß in meinem Hals wächst und wächst. Sag ihr
nicht die Wahrheit, sie hat mehr Angst als Du. Aber ich brauche nicht zu
antworten. Meine Augen verraten alles. Kein Wimpernzucken nur die aufgerissene
Pupille in der die Angst steht, etwas zu verlieren, teilt ihr alles mit. Ich
habe versagt. Jetzt ist sie weg. Und jetzt kann sie schauen... in mein Herz.
Ein Bukett aus weißen Lilien
liegt auf Deinem Sarg. Was? Ist es doch passiert? Wo war ich nur. Ich kann mich
an nichts erinnern. Ich stehe dort und betrachte Dich. Es hat eine gewisse
Leichtigkeit, es tut nicht weh und dennoch. Etwas stimmt nicht. Es kann nicht
gewesen sein, ich war nicht dabei und ohne mich kann er nicht gestorben sein.
Was ist hier nur los? Langsam dämmert es mir. Ich war nicht da für ihn, ich habe
versagt. Konnte auch hier nicht die Hand halten beim letzten Weg. Ich mache mir
Vorwürfe und verzweifle.... Ein Schmerz wird stärker und stärker ...ein
Schrei......
Schweißgebadet wache ich auf und stelle fest ... ES WAR NUR EIN TRAUM
Wir
„Komm mit mir, ich will Dir das Lachen zeigen und die schönen Seiten am
Menschen. Hab keine Angst, sie sind nicht so wie alle. Vertrau mir doch.“
Flehentlich bitte ich mein anderes ICH dem OFFENEN und AUFGESCHLOSSENEN zu
folgen. Doch es glaubt mir nicht. Es zögert nicht mal. Es weiß die da draußen
sind schlecht und gemein. Und ein falsches Wort an das VERÄNGSTIGTE wird es noch
tiefer sinken lassen. Doch wie kann ich es locken? Es war schon mal da draußen.
Da war es noch mutig und ohne Trauer. Da hat es noch Streiche ausgeheckt und bei
allem mitgemacht. Und jetzt? Jetzt sitzt es da. Die Fenster zugezogen, das Licht
verbannt. So oft enttäuscht und verraten. „Aber ich bin doch nur ein ganzes mit
Dir!“ verhallen meine Worte im Raum und so bleibe ich ALLEIN MIT MIR.
Sieben Jahre
bist Du weg. Und dennoch. Jeder Tag ist kein Tag ohne Dich. Du bist immer an
meiner Seite. Ich hab Dich in Bildern in meinem Herzen und auf meinem Regal. Du
bist da für immer. Du bist mir genommen worden und doch näher als jemals. Ich
hätte nie gedacht dass es so schmerzen könnte Dich zu verlieren. Ich hatte Glück
und konnte mich Stück für Stück von Dir verabschieden. Aber das ohne dass ich es
eigentlich wollte. Du wolltest es auch nicht, aber Dir hat man die Wahl nicht
gelassen. Ich vermisse Dich. Mir fehlt Deine Umarmung und Dein Geruch. Deine
Wärme und Herzlichkeit. Ich kann nicht mit Dir reden aber ich unterhalte mich
mit Dir. In meinem Herzen, in meinen Gedanken. Du gibst mir keine Antwort aber
ich weis Du blickst auf mich herab. Jetzt bist Du mein Engel. Jetzt kannst Du
über mich wachen und bei mir sein. Und Du paßt auf mich auf.
Autorin: Jaqueline Kaden
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