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Jeffrey Archer

27. Juli 2003 Ein Schriftsteller, der eine Romanfigur wie Jeffrey Archer erfände, müsste damit rechnen, dass seine Leser den Stoff als plumpe Satire abtäten. Wie sollte man auch anders reagieren auf die Biographie eines Manns, der seine Herkunft beschönigt und sich mit getürkten Qualifikationen ins Berufsleben einschleicht, der ins Parlament gewählt wird, Bankrott macht und es dann als Autor von Politkrimis nicht nur zum vielfachen Millionär, sondern auch zum stellvertretenden Vorsitzenden der Konservativen Partei bringt, der sich der Freundschaft zweier Premierminister rühmen kann, als Baron ins Oberhaus einzieht und um ein Haar sogar Bürgermeister von London geworden wäre, wenn ihn die Wirklichkeit nicht schließlich doch eingeholt hätte, so dass er statt dessen als Meineidiger im Gefängnis landet?

 

Mit der Unverfrorenheit des Hochstaplers und der Ausdauer eines Stehaufmännchens hat sich der 63 Jahre alte Jeffrey Archer genau diesen Lebenslauf ausgedacht. Anders als in seinen Bestsellern, wo er die Fäden zieht, sind ihm die Stränge seiner eigenen Geschichte jedoch aus der Hand geglitten.

Zu laut für einen Gentleman

Bis vor kurzem schien es, als sei er unerschütterlich. Jeder wusste, dass er ein Hallodri war, nicht nur, weil ihm die Boulevardpresse auf fernen Stränden mit Blondinen auf die Schliche kam, von anderen Mogeleien nicht zu reden. Er sprach zu laut für einen Gentleman, hatte mit englischem Unterstatement nichts im Sinn und pflegte stets großtuerisch hervorzuheben, dass im Hause Archer zum traditionellen Shepherd's Pie, einer Hausmannskost aus Hackfleisch und Kartoffelbrei, natürlich kein herkömmlicher Champagner serviert werde, sondern nur Krug.

Trotzdem war er lange der Liebling der "Blue-Rinse-Brigade" der Konservativen Partei, der alten Damen mit blau getöntem Haar. Und mehr als das halbe Kabinett kam zu den regelmäßigen Empfängen in Archers Londoner Wohnung oder in sein Pfarrhaus bei Cambridge, wo der Dichter Rupert Brooke einmal gewohnt hatte - auch nach der spektakulären Verleumdungsklage gegen ein Boulevardblatt, das über seine Beziehung zu einer Prostituierten berichtet hatte. Nicht alle waren so gutgläubig wie der Richter, der damals, angetan von Archers "duftender" Frau Mary, gegen den "Daily Star" urteilte.

Gefälschtes Alibi

Mehr als dreizehn Jahre später jedoch meldete sich ein Zeuge zu Wort, der gestand, damals auf Archers Geheiß ein gefälschtes Alibi geliefert zu haben. Bei dem nächsten Verfahren war der Richter weniger nachsichtig. Lord Archer of Westen-super-Mare wurde im Juli 2001 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Selbst dort konnte er von den alten Gewohnheiten nicht lassen. Immer machte der Häftling FF 8282 wegen irgendwelcher Vergehen auf sich aufmerksam. Einmal brachte er es fertig, eine Wärterin unerlaubterweise zum Mittagessen auszuführen; dann veröffentlichte er ein brisantes Tagebuch, das die Ordnungskräfte vergrätzte.

Auch im zweiten Band seines Gefängnisberichts, dessen Erscheinen jetzt mit seiner vorzeitigen Entlassung auf Bewährung zusammentrifft, beschreibt Archer die krummen Geschäfte, den Drogenmissbrauch und die Brutalität der Welt hinter Gittern. Er behauptet nun, eine neue Berufung zu haben: die Gefängnisreform. Sicher wird er auch sonst noch von sich hören lassen.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2003, Nr. 172 / Seite 38
Bildmaterial: PA
 

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